Eberhard Röhrig-van der Meer

Lang ist es nicht mehr hin bis zur Kommunalwahl am 11. September. Dann werden für fünf Jahre die Bezirksräte und ein neues Stadtparlament gewählt. Wir haben im Mai mit dem stellvertretenden Sprecher der ADFC Ortsgruppe Hannover, Eberhard Röhrig-van der Meer, über die bevorstehende Wahl, über die Entwicklungen in den vergangenen Jahren und seine Wünsche für die nächsten Monate gesprochen.

Eberhard, in knapp vier Monaten werden in Hannover der Rat der Stadt und die Bezirksräte neu gewählt. Mit welchem Gefühl gehst du in die Wahl?

Aus der Sicht des ADFC habe ich zuletzt festgestellt, dass das Thema Radverkehr ungemein an Stellenwert in der Stadt Hannover gewonnen hat. Deshalb gehe ich auch mit einem guten Gefühl in die Wahl. Ich bin zuversichtlich, dass die Wähler honorieren, welche der Parteien sich nachhaltig und konsequent für den Radverkehr einsetzen. Da gibt es teilweise erhebliche Unterschiede, die jeder in den Antworten der Parteien auf unsere Fragen in diesem Heft nachlesen kann.

Werfen wir mal einen Blick zurück: Haben sich die Rahmenbedingungen für die Radfahrenden in der letzten Wahlperiode, also den vergangenen fünf Jahren, in Hannover verbessert?

Ja, noch vor fünf Jahren waren die Radfahrenden die Underdogs. Sie wurden stigmatisiert als jene, die alles falsch machen würden und selbst dafür verantwortlich seien, wenn sie platt gefahren werden. Das hat sich grundlegend geändert.

Mit welcher Stimmung begegnet man heute den Radfahrenden?

Heute haben wir eine Atmosphäre in der Stadt, in der man Radfahrenden freundlich begegnet und das Miteinander im Vordergrund steht. Autofahrende fahren durchaus rücksichtsvoller und vorsichtiger. Es werden von der Polizei keine Kampagnen mehr gefahren, die ausschließlich das Fehlverhalten der Radfahrenden thematisieren. Immerhin sind für zwei Drittel der Unfälle mit Beteiligung von Radfahrenden die Autofahrenden verantwortlich. Dem wird Rechnung getragen, indem zum Beispiel verstärkt Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt werden. Radfahrende sind Willkommen in der Stadt, weil sie beispielsweise auch Kunden sind und in Hannover einkaufen.

Werden Radfahrende auch im öffentlichen Nahverkehr anders gesehen?

Radfahrende sind zunehmend auch Willkommen in Bussen und Bahnen. Als ADFC haben wir mit den Hannoverschen Verkehrsbetrieben (üstra) gesprochen und betont, dass das Fahrrad und der öffentliche Verkehr Partner sind. Zuletzt haben wir gemeinsam eine Aktion „Perspektivwechsel“ gestartet, die zum besseren wechselseitigen Verständnis von Busfahrenden und Radfahrenden beitragen wird. Einige dicke Bretter müssen wir leider weiterhin „bohren“: eine auffälligere Kennzeichnung der Mitnahmebereiche in Bahnen und Bussen sowie die Mitnahmemöglichkeit am frühen Morgen.

Wie zeigt sich die neue Atmosphäre auf der Straße?

Vor fünf Jahren galt der Radverkehr in Hannover noch als Freizeitbeschäftigung. Inzwischen werden auch die Radfahrenden wertgeschätzt, die im Alltag mit ihrem Fahrrad unterwegs sind. Die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend geändert. Natürlich gibt es Schwachstellen, die entstanden sind, weil man sich jahrelang nicht gekümmert hat. Doch es gibt Bestrebungen diese abzubauen und dem Radverkehr mehr Raum zu geben.

Obwohl sich die Situation auf den Straßen verbessert hat, rund läuft wahrscheinlich noch nicht alles. Wofür musstet ihr euch als ADFC in letzter Zeit besonders einsetzen?

Die Stadt hat letztes Jahr ein Radverkehrsprogramm für Hannover aufgelegt, in dem vor allem die Schwachstellen aufgelistet wurden. Diese Mängelliste sollte allerdings erst in zehn Jahren beseitigt werden, das wäre blamabel gewesen. Durch eine intensive Kommunikation mit der Verwaltung, dem Stadtrat und den Bezirksräten haben wir dazu beigetragen, die Politik weiter zu sensibilisieren. Der Rat hat jetzt nachgelegt und mehr Planstellen geschaffen. Die Mängelliste könnte nun schon nach fünf Jahren abgebaut werden. Das Engagement des ADFC hat also konkret dazu beigetragen, dass es hier eine Verbesserung geben wird.

 Was gilt es noch zu verbessern?

Wir müssen stärker für den durchschnittlichen Alltagsradfahrenden eintreten, der nicht mit jeder Situation in einer Großstadt wie Hannover klarkommt. Denn das ist die Masse der Radfahrenden. Es ist wichtig, dass die Menschen sich sicher und komfortabel mit dem Fahrrad fortbewegen können. Und wenn der Radverkehrsanteil weiterhin ansteigt, dann braucht es mehr geeignete Radverkehrsanlagen in der Stadt. Auch die Geschwindigkeiten und die Wahrnehmung durch die Autofahrenden spielt da eine Rolle. Wenn da jemand ist, den ich wertschätze, auf den ich achte, stimmen auch die atmosphärischen Rahmenbedingungen.

Welche Baustellen sollte die Stadt beziehungsweise der neue gewählte Rat aus Sicht des ADFC unbedingt angehen?

Generell sollte die Verkehrsplanung in der Stadt konsequent und nachhaltig sein. Maßnahmen, die nur der hübschen Darstellung dienen, sollten die Planungen nicht dominieren. Zum Beispiel ist das Heben einzelner Straßen in den Status einer Fahrradstraße nur eine optische Maßnahme, wenn keine baulichen Veränderungen getroffen werden. Es sollte beispielsweise darauf geachtet werden, dass die Straße für Radfahrende überhaupt gut befahrbar ist und das Straßenquerungen nicht zum Hindernis werden. Einfach nur die Schilder ändern, reicht da nicht.

Perspektivisch wäre es wichtig innerstädtisch durchgehende Routen zu benennen, die aus den zwölf um den Bezirk Mitte liegenden Stadtbezirken ins Zentrum führen. Eine Projektgruppe des ADFC beschäftigt sich derzeit mit solchen „Velorouten“. Diese sollten konsequent, sicher und komfortabel angelegt sein. Schwachstellen auf diesen Strecken müssten beseitigt werden, damit diese Wege attraktiv sind und auch genutzt werden. Es wäre wichtig, dass die Stadt die zwölf „Velorouten“ zum Programm in der nächsten Wahlperiode macht.

Woran kann die Stadt die nächsten fünf Jahre anknüpfen?

Die Stadt Hannover sollte konsequent fortführen, was sie in den letzten Jahren begonnen hat und sich dabei nicht auf einzelne Maßnahmen im Zentrum reduzieren. Sie sollte auch den Mut haben, dort wo es wichtig ist, sich für den Radverkehr zu entscheiden. Es ist zum Beispiel durchaus zumutbar beim Maschseefest den Autoverkehr mit einer Spur zu führen und den Radfahrenden einen angemessenen Raum zuzugestehen.

Derzeit gibt es ja schon konkrete Planungen als Teil des Radschnellweges nach Garbsen den neuen Stadtteil Wasserstadt Limmer mit dem Zentrum zu verbinden. Dabei wird für Radfahrende auch eine neue Verbindung über die Leine geschaffen. Braucht Hannover mehr von diesen Projekten?

Ich finde es hervorragend, dass dort eine Anbindung für die Radfahrenden ins Zentrum geschaffen wird und ein größerer Wurf gemacht werden soll. Hier wird für den Radverkehr ein größeres Bauvorhaben durchgesetzt, was auch den Stellenwert des Radverkehrs nach außen zeigen kann. Vor Jahren hat man noch bauliche Zeichen für den Autoverkehr wie etwa die Hochstraße am Aegi gesetzt. Heute sollten es bauliche Zeichen für den Radverkehr sein. Es ist wichtig solche Signale zu setzen und auch deutlich sichtbaren Maßnahmen durchzusetzen.



 


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